Elf oder zwölf Jahre war ich etwa alt, als wir Schulkinder aus Percha einmal die Woche ins “Weiber- seminar” - das heutige Landschulheim Kempfenhausen - zur Bastelstunde eingeladen wurden.

 An einem jener Nachmittage war ich etwas zu früh dran. Ich setzte mich deshalb unterhalb des Seminars auf die alte Steinmauer, die es heute leider nicht mehr gibt, die aber damals unser bevor- zugter Badeplatz war. Während ich dort so vor mich hindöste und darauf wartete, dass die Zeit ver- ging, entdeckte ich etwas ganz besonderes - den Flug der Möwen.

 Ganz niedrig kauerte ich mich in eine Nische der alten Kaimauer, weil ich fürchtete, die Möwen könnten weiterziehen, wenn sie meine Anwesenheit bemerkten; doch sie kamen immer näher und wurden von Minute zu Minute zahlreicher.

  Vorsichtig kramte ich in meiner Anoraktasche und freute mich, dass noch ein beachtlicher Rest des Pausebrotes vom Vormittag zwischen meine Finger rutschte. Dieser Brotzeitrest stammte von Wiggerl, einem Schulkameraden, der allmorgentlich die besten Ausreden fürs Zuspätkommen erfand, und der in seiner Freizeit ganz selten Gelegenheit hatte, seine Hausaufgaben zu machen. Der Tausch Brotzeit gegen Hausaufgaben ging daher jedesmal unaufgefordert und ohne grosses TamTam vor sich. Hinterher war er oftmals enttäuscht, weil unsere Arbeiten nur selten dem Qualitätsanspruch unseres Lehrers gerecht wurden.

 Die Möwen jedenfalls profitierten nun von unserem kleinen Arrangement. Wiggerls selbstgebacke- nes Brot aus einem privaten Harkirchner Holzofen war stets von allerbester Qualität und natürlich auch Quantität. Und das sollten nun auch meine neuen gefiederten Freunde zu schätzen lernen. Die kleinen Brocken, in die ich es gewissenhaft zerteilte, warf ich nach und nach in den fliegenden Pulk schreiender Vögel. Nach einer Weile war es mir nicht mehr möglich, meinen Blick von diesem grossartigen Schauspiel vollendeter Flugkunst abzuwenden.

 Und dann entdeckte ich sie, die Möwe, die scheinbar nur dem Aussehen nach ihren Artgenossen glich. Doch selbst da, so glaubte ich - je länger ich sie beobachtete - gewaltige Unterschiede feststellen zu können: Dieses wunderbare Geschöpf flog engere Kurven als alle anderen; schraubte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit in den wolkenverhangenen Himmel über mir, tauchte dann fast senkrecht nach unten weg und fing den Sturz erst eine Flügellänge über dem weichen Schaum der Brandungswellen ab, um dann in einer steilen Kurve zur Seite abzudrehen.

 Wieder und wieder zeigte sie mir solche und andere waghalsige Manöver. Eine Steigerung flieger- ischen Könnens schien mir nicht mehr möglich zu sein. Und dann konnte ich noch etwas feststellen. Dieser Meister des Kunstflugs war immer schneller an den Stückchen als seine Mitstreiter, selbst wenn er in dem Augenblick, in dem ich den Leckerbissen hochschleuderte, weiter entfernt war von dem unberechenbaren Bogen, den meine Brotkrümel beschrieben. Das unglaubliche aber war, währ- end alle anderen Mitglieder seines Geschwaders das erkämpfte gierig verschlangen, warf er das Beutestück dem jeweils unterlegenen Rivalen zu, so dass dieser es ohne Mühe aufnehmen konnte.

  Ich glaubte zunächst meinen Augen nicht trauen zu können. Meine Phantasie spielte mir wohl einen Streich. Schliesslich war der Futterneid unter diesen Tieren eine Tatsache, die ich mittlerweile un- zählige Male beobachten konnte, denn während der letzten Stunde war ich bereits ein Teil ihrer Ge- meinschaft geworden. Ich “flog” schon eine ganze Weile mit ihnen, wenn ich auch allzuoft feststellen musste , dass selbst mein Begreifen ihrer graziösen Akrobatik gewaltig hinterher hinkte.

 Aber jetzt war ich wieder hellwach und sah meinen Helden immer wieder aufs Neue als Sieger seiner Luftkämpfe hervorgehen. Nur einmal gönnte er sich selbst ein Stückchen.

 Ich glaube, an jenem Tag wurde der Wunsch in mir geboren, einmal selbst ein Flieger zu sein. Er soll- te mich nicht mehr loslassen.

 Fast zwei Jahrzehnte später sass ich in einem mir anvertrauten Sportflugzeug  und war ausreichend damit beschäftigt, Höhe und Richtung zu halten. Seltsamerweise, und für mich unerklärlich, schweif- ten dabei meine Gedanken immer wieder ab. Ich konnte mich nicht so richtig auf meine Aufgabe konzentrieren. Doch dann kam die Erinnerung an jene längst vergangenen Stunden zurück und ich wurde bei den Gedanken an den gemeinsamen Flug mit den Möwen ruhiger und sicherer. Immer präziser wurde danach mein Handeln und die Starts und Landungen gelangen besser als je zuvor.

 Ich schickte einen stillen Dank hinunter zu Charly, meinem Fluglehrer, der dort unten sass und auf meine heile Rückkehr hoffte. Er hatte keinen blassen Dunst, welchen Gefühlsregungen sein Schüler dort oben ausgesetzt war.

  Durch seine geduldige und intensive Schulung kehrte ich in dieser Stunde zurück zu den Vögeln, die ich vor lauter Lernen und Arbeiten in den letzten Jahren ganz und gar vergessen hatte. Er hatte ganz nebenbei mein Training so eingerichtet, dass ich exakt an diesem Tag (meinem dreissigsten Geburtstag) einen der schönsten Augenblicke meines Daseins erleben durfte - meinen ersten Alleinflug.

 Den langen Dreiecksflug, den ich kurz darauf ebenfalls alleine durchführen sollte, plante ich so, dass er mich auf alle Fälle über den Starnberger See führen würde. Starten und Landen hatten wir zuvor fast ausschliesslich am Landshuter Flugplatz geübt.

 Welch ein Erlebnis, nun die Orte meiner Kindheit aus der Luft zu entdecken und neu zu erobern. Wie friedlich und ohne jede erkennbare Hektik lagen da Starnmberg und sein Hafen, die Nepumukbrücke und die Bootshütten am Badeplatz in Percha. Die Würm mit ihren vereinzelten Seitenarmen und den kleinen Seen, die von hier oben wie der vollgefressene Bauch einer Riesenschlange aussah. Dann das Moor und die dunklen Wälder dahinter, durch die ich vor so langer Zeit mit meinem Bruder und meinen Freunden als “Indianer” und “Trapper” streifte.

 Zurück über dem See konnte ich erkennen, wie sich die Orte Tutzing und Seeshaupt und viele andere an das Wasser drängen und wie das üppige Grün der Wälder und Wiesen einen so harmonischen Rahmen für dieses wunderbare “Gemälde” schufen. Ein Traum, dieses türkisfarbene Wasser in Ufernähe und das silbrig glänzende Blau verteilt über den ganzen See. Ich war überwältigt. Was ich da sah, übertraf all meine Erwartungen. Und doch spürte ich ein bisschen Wehmut, denn ich war in diesem Augenblick alleine und konnte mein Glück mit niemandem teilen.

 Etwas später, nach meiner Landung auf der Runway 25 in München Riem, konnte ich die allgemeine Erleichterung über mein Eintreffen spüren. Ich war schon eine ganze Weile überfällig. Unterwegs glaubte ich einmal durch den Motoren - und Propellerlärm den Schrei der Möwen zu hören - was natürlich Unsinn war. Trotzdem bin ich noch einmal umgekehrt. Aus meiner Höhe konnte ich aber keinen der Vögel ausfindig machen und erkannte bald meinen Irrtum. So flog ich also zum Flughafen zurück und wurde dabei selbst etwas nervös, als mein Blick die Borduhr streifte.

 Dem Zufall war es dann zuzuschreiben, dass mir wenige Tage danach in einem Starnberger Buch- laden Richard Bachs Geschichte “Die Möwe Jonathan” in die Hand fiel, gerade als ich die Regale nach einem weiteren Mitglied meiner bescheidenen Bibliothek durchwühlte.

War es wirklich Zufall?

 Auf dem Nachhauseweg dachte ich wieder an das damalige Erlebnis. An diesen ritterlichen Kunst- flieger. Ich konnte es kaum erwarten, mit meinem Fund nach Hause zu kommen um zu lesen, was Bach über eine andere Möwe zu erzählen weiss.

 Ich verzog mich in die hinterste Ecke meines Wohnzimmers und erlebte eine neue Dimension der Erzählkunst. Nur einmal legte ich das Buch aus der Hand, um mir einen Drink einzuschenken und eine Zigarette anzuzünden.

 Fieberhaft arbeitete mein Gehirn, als ich die letzte Seite gelesen und das Buch geschlossen hatte, um es noch einen Moment in meinen verschwitzten Händen festzuhalten. Ich sass da und meine Gedank- en wirbelten wild durcheinander. Und dann traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Aus dem Nebel meiner Kindheit sah ich ihn auftauchen, und in diesem Augenblick war ich gewiss - Jonathan lebt! Ich habe ihn gesehen.

 Als Junge bin ich in seine Welt eingedrungen um eine Zeitlang mit ihm zu fliegen. Für mich - soviel war in diesem Moment sicher - wird es ihn immer geben. Ohne dass es mir die ganzen Jahre bewusst war, hat diese Möwe mich begleitet und meinen Weg geprägt. Ihr und unser Verlangen nach Harmo- nie und Fairness und nach Vervollkommnung unserer Fähigkeiten treiben immer neue Knospen. Sie ist hier zu Hause - hier an den Ufern des Starnberger Sees.

von Günther Juris


Starnberger See Geschichten (fünftes Buch - 1990)  Erschienen bei R.S. Schulz    ISBN 3-7962-0505 4